Während ich noch unentschlossen die Speisekarte im Captain Whidbey Inn studiere, ist für meine Gastmutter längst klar, was es heute zu essen gibt. Ohne mit der Wimper zu zucken, bestellt sie die teuerste Mahlzeit auf der Speisekarte: den pazifischen Taschenkrebs. Der Krebs ist der Grund, warum wir hier sind.

Wir machen Kurzurlaub auf Whidbey Island, der größten Insel Washingtons im äußersten Nordwesten der USA. Es ist Ende März und kalt. Wo andere ihre Spring Break in Florida am Strand verbringen, da wandere ich mit meiner Gastmutter entlang der Wälder und Küsten von Washington State. Beschweren möchte ich mich aber nicht bei all den malerischen Landschaften, die ich hier zu Gesicht bekomme.

Vor dem Whidbey Inn

Als der Kellner unsere Bestellung aufnimmt, entscheide ich mich in letzter Sekunde für das Lachsrisotto. Da kann man schon nichts falsch machen, denke ich mir. Ich bin zu diesem Zeitpunkt sechzehn Jahre alt und alles andere als ein Seafood-Connaisseur. Bei meiner Mutter zuhause, da gab es bodenständig schwäbische Küche. Deftig, süß und immer mit ausreichend Soß. Abseits der Karfreitagsforelle war Fisch nur selten Bestandteil unseres Speiseplans. Meeresfrüchte gab es gar nicht, denn: “Was dr Baur nedd kennt, des frissd er nedd!”

Entsetzt sehe ich meine Gastmutter an, als sie es tatsächlich wagt, den Taschenkrebs zu bestellen. Ich munkle ihr zu: “You’re a special person. I bet you’re the only who is brave enough to order a crab here.” Woraufhin meine Gastmutter gelassen entgegnet: “No, you’re the special one. Everyone is here for the crab.” Eine Aussage, die mein sechszehnjähriges Ich nur schwer nachvollziehen kann. Da gibt es doch tatsächlich Leute, die 45 Dollar dafür ausgeben, ein Meeresgeschöpf zu verzehren, an dem kaum Fleisch dran ist. Schlimmer noch: Das Fleisch ist nicht mal frei zugänglich, sondern muss aus den Scheren und Beinen des Tieres mit den Zähnen herausgepopelt werden.

Passend zum Anlass bietet der Kellner auf typisch amerikanische Art und Weise eine kurze Einweisung an, wie meine Gastmutter den Krebs zu verzehren hat. Mit einer Zange soll meine Gastmutter die harte Krebsschale aufbrechen, um an das faserige Fleisch heranzukommen. Für meinen Geschmack ist das alles zu schickimicki. Ich bleibe bei meinem Lachs, der ausgezeichnet schmeckt.

Pazifischer Taschenkrebs

Seafood lieben gelernt, das habe ich erst später auf meinen Reisen nach Südostasien. An den Orten, an denen das Essen frisch im Aquarium schwimmt. Dort, wo es keine Etikette beim Essen gibt, wo jeder so zulangen kann, wie er wünscht. In den Garküchen, in denen die Köche die Krebse gewaltvoll mit einem Beil zerhacken. Wo kein Kellner mir die Serviette auf den Schoß legt und mir einen Kurs über die Kunst des Krebsessens anbietet. Dort, wo es zum Krebs eine Dose Bier oder Cola anstelle von kalifornischem Weißwein gibt.

Dass Meeresfrüchte süß schmecken, das war mir als sechzehnjähriger noch nicht bewusst. Ich vermute einen fischig glitschigen Geschmack, weshalb ich dankend ablehne, als meine Gastmutter mir ein Stück Krebsfleisch anbietet. In meinem Tagebuch kommentiere ich am Abend den Restaurantbesuch mit den Worten: “What a waste of money!” Meiner Gastmutter hingegen scheint es gemundet zu haben.


Für alle Reiselustigen habe ich das Captain Whidbey Inn auf der untenstehenden Karte markiert.

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