Es gab eine Zeit, da lebte ich in Osten der Republik. Zumindest vorübergehend. Für fünf kurzweilige Monate führte mich mein Job nach Sachsen-Anhalt. Ein Bundesland, das ich zuvor überhaupt nicht kannte. Ein Bundesland, das gerademal zwei Komma zwei Millionen Einwohner beheimatet. Allein in der Metropolregion Stuttgart leben mit fünfeinhalb Millionen Einwohnern mehr als doppelt so viele Menschen wie in ganz Sachsen-Anhalt. Von Stuttgart nach Sachsen-Anhalt umziehen: Ja, das war eine Umstellung.

Der Landkreis Wittenberg nahe der Grenze zu Brandenburg war meine Heimat auf Zeit. Die ersten Wochenenden verschlug es mich nach Leipzig, Berlin und an die Ostsee. Ich wollte etwas erleben. Wenn ich schon mal in der Nähe war, dann musste ich diese Orte ja auch mal gesehen haben.

Nach den ersten Wochen schlich sich dann aber auch bei mir so etwas wie eine Routine ein. Weit wegfahren am Wochenende, das musste nicht immer sein. Es gab doch auch ein paar schöne Dinge im näheren Umfeld zu Erleben. Und so kam es, dass eine Runde um den Bergwitzsee bei Kemberg rasch zu meinem neuen Sonntagsritual wurde.

Der See beherbergt einen bezaubernden Sandstrand. Zum Schwimmen war es in den Herbst- und Wintermonaten aber zu kalt. Stattdessen beobachtete ich die Schwäne und Enten, die elegant auf dem Wasser entlangglitten. Eine intakte Natur. Kein Hinweis auf die Vergangenheit dieses Ortes.

Schwan am Bergwitzsee

Vor 100 Jahren sah es hier noch ganz anders aus. Im Jahr 1908 begann der Aufschluss von Bergwitz als Braunkohletagebau. Die in den untenstehenden Bildern abgebildete Förderbrücke und Brikettfabrik gingen im Jahr 1946 als Reparationszahlung an die Ukraine. Die Brikettproduktion wurde im Anschluss nicht wieder aufgenommen und der Tagebau in Bergwitz im Jahr 1955 endgültig stillgelegt. Eine Geschichte ähnlich der des Bergwitzsees erzählen nahezu alle Seen hier in Sachsen-Anhalt. Der See ist Teil des Mitteldeutschen Seenlands, einer der größten Seenlandschaften Deutschlands.

Etwa dreißig Prozent der weltweiten Braunkohleproduktion stammte im Jahr 1985 aus der ehemaligen DDR. Vor 1990 förderten zwanzig Tagebaue zu Hochzeiten jährlich bis zu dreihundert Millionen Tonnen des braunen Golds. Der einzige fossile Energieträger, mit dem wir im Übermaß gesegnet sind. Für mehr als zweihundert Jahre reichen unsere Kohlevorräte in Deutschland noch aus, um uns mit Energie zu versorgen. Und doch trennen wir uns bis spätestens 2038 von der Braunkohle, denn sie hat auch eine dunkle Seite.

Die kohlenstoffreiche Braunkohle verbrennt überwiegend zu Kohlendioxid, dem Klimakiller schlechthin. Die Verbrennung setzt Schwefeldioxid, Stickoxide, Feinstaub und toxische Metalle frei, die bei fehlenden oder mangelhaften Abgasanlagen in die Umwelt gelangen und dort unermessliche Schäden anrichten. In den siebziger und achtziger Jahren war die DDR das Land mit der höchsten Schwefeldioxid-Belastung in ganz Europa. Vor allem in Industriegebieten häuften sich Atemwegs- und Hauterkrankungen, bedingt durch die von Industrieabgasen verdreckte Luft.

Doch es war nicht nur die Kohle, die die Umwelt vergiftete. Industrie- und Haushaltsabwässer wurden unzureichend oder gar nicht aufbereitet in die Elbe eingeleitet. Rund dreizehntausend wilde Müllkippen existierten in der DDR, auf denen Müll ohne Rücksicht auf die Umwelt entsorgt wurde. Die Wismut AG beutete das Uranerzvorkommen in Thüringen und Sachsen aus und kontaminierte dabei große Flächen radioaktiv. Kurzum: Die Umweltbedingungen in der DDR waren entsetzlich. Und das in einem Staat, der bereits 1968 den Schutz der Natur und Umwelt als Staatspflicht in seiner Verfassung verankerte. Als einer der ersten Staaten weltweit errichtete die DDR im Jahr 1972 ein Ministerium für Umweltschutz- und Wasserwirtschaft. Eine Farce, denn ab den achtziger Jahren hielt die DDR-Regierung Umweltdaten unter Verschluss.

Smog in der DDR
Bildqelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1218-003 / CC-BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wenig romantisch verlief dann auch der kapitalistische Raubbau an der Natur, der sich mit den Ölpreiskrisen der siebziger Jahre immer weiter verschärfte, da Öllieferungen aus der Sowjetunion ab Anfang der achtziger Jahre immer knapper wurden. Erst mit der Wiedervereinigung wurde dem Kohleirrsinn ein Ende gesetzt. Allein durch die Stilllegung umweltbelastender Betriebe, die mit veralteter Technik produzierten, konnte die Umweltbelastung in der ehemaligen DDR bereits Mitte der neunziger Jahre auf ein annehmbares Niveau gesenkt werden. Über einhunderttausend Jobs im Braunkohlebergbau gingen in den Nachwendejahren verloren. Ein tiefer Einschnitt in die ostdeutsche Wirtschaft.

Was bleibt sind die zahlreichen künstlichen Seen, die sich entlang der Straße der Braunkohle erstrecken, deren nördlichster Punkt der Bergwitzsee ist. Ein unscheinbares Industriedenkmal sozusagen.

Greifbarer erleben lässt sich die Geschichte des Braunkohleabbaus in Mitteldeutschland im Freilichtmuseum Ferropolis. Auf dem Gelände des ehemaligen Tagebaus Golpa-Nord sind schwere Bagger ausgestellt, die in beeindruckende Höhen ragen. Wo heute Gäste vergnügt am Sandstrand ins Wasser hüpfen, wurden von 1957 bis 1991 rund siebzig Millionen Tonnen Braunkohle und Ton abgebaut.


Für alle Reiselustigen habe ich den Bergwitzsee und Ferropolis auf der untenstehenden Karte markiert.

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *