Die mitleidigen Blicke der amerikanischen Küstenelite, ich kenne sie nur zu gut. Meine erste Lektion erhielt ich in New York am zweiten Abend nach meiner Ankunft. In einem Minimarkt in Midtown Manhattan. Ich möchte eigentlich nur meine Cola bezahlen, da werde ich schon vom Verkäufer in ein Gespräch verwickelt. Typisch amerikanisch eben.

“Where are you from? What do you do in America?”

“I’m from Germany and I’ll be spending the next year in the US.”

“Oh wow. So where do you live?”

“Well, my host family resides in a small village close to Kansas City.”

“Oh man, I’m so sorry for you.”

Auch am anderen Ende Amerikas, in Washington State an der Westküste, löst die Aussicht auf ein Leben im Mittleren Westen keine Begeisterungsströme aus. Unser Tourguide im Hochseilgarten spricht mich direkt an: “Isn’t it more beautiful here than in the Midwest?” Ich antworte souverän: “Well, the Midwest is a fine place to stay.” “But there are no mountains.” “That is correct.” “I guess it’s ok if you like plains…”

Und recht hat sie. Ja, meine Gastfamilie lebt in der amerikanischen Prärie. Eine trocknen Steppenzone, die Wikipedia als “landwirtschaftlich genutzte, teilweise auch verödete und weiter verödende, oft künstlich bewässerte Anbaufläche für Weizen, Mais und andere Produkte” bezeichnet. Kansas, Missouri und Iowa. Sexy klingt anders. Und dennoch gefällt es mir hier.

Da sind zum einen die unfassbar freundlichen und hilfsbereiten Menschen, denen nichts fremder ist als der kalifornische Lebensstil. “The people in California are weird.” Kaum einen Satz habe ich häufiger gehört. Im Mittleren Westen, da ticken die Uhren anders. Da geht man am Sonntag in die Kirche, da ist die Welt noch in Ordnung.

Das Leben hier ist einfach. Wo der Deutsche in seiner engen Zweizimmerwohnung sich Sorgen macht, ob durch den Geburtenrückgang in China die heimische Exportwirtschaft geschwächt wird, da sitzt der Midwesterner entspannt im Garten und grillt sich genüsslich ein Rindersteak. Ein Satz prägt sich bis zum Ende meines Aufenthalts tief in mein Gedächtnis ein: “Love it or leave it.” Ein Satz, den ich unterschreibe. Wer es hier nicht mag, der soll doch wo anders hin.

Im Mittleren Westen, da gibt es keinen Yosemite Park, kein Key West und auch keine Freiheitsstatue. Das touristische Highlight von Kearney, meinem Wohnort auf Zeit an der Grenze zu Kansas ist der Serengeti Park Missouris. Genauer gesagt: Der Garten meines Nachbarn. Zebras grasen hier auf dem Weideland. Als Bonus gibt es Kamele zu beobachten. Exotisch, aber doch irgendwie typisch amerikanisch. Wir sind hier schließlich im land of the free.

Zebras
Kamele

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